Berliner Aktionsplan Urbane Praxis

Stand: März 2021

Berlin steht vor großen Herausforderungen: Die Stadt wächst, wird internationaler, die Schere zwischen arm und reich wird größer, Räume knapper und die Luft schlechter. Die Arbeitswelt wird komplexer an Voraussetzungen und Perspektiven, öffentliche Raum und Begegnungsorte jenseits geschlossener Szenen sind rar. Die üblichen Problemzonen einer Metropole zeichnen sich ab, das Kapital verdrängt die Phantasie!
Wie wollen wir künftig zusammenleben? Berlineri*nnen brauchen mehr Raum für Begegnung und zum aktiven Ausprobieren: eine lebendige Urbane Praxis ! In der ganzen Stadt gibt es eine Reihe von divers agierenden Akteurinnen und Projekten, die nicht unter die gängigen Genres gefasst werden können. In ihren innovativen Arbeitsweisen reagieren sie nicht nur auf große Herausforderungen unserer Zeit, sondern entwickeln pro-aktiv neue Perspektiven, beleben und bauen Orte, ermöglichen Beziehungen – experimentieren mit Utopien für ein künftiges Stadtleben.
Urbane Praxis hilft beim Umlernen, ermöglicht Erprobungssituationen für´s Stadt-anders-machen, unterstützt und flankiert gesellschaftliche Transformationsprozesse.

Zettel mit einer kurzen Definition der Urbane Praxis

Urbane Praxis: Qualitäten der „Kultur des Stadtmachens“

Urbane Praxis fokussiert auf innovative Prozesse, die Kultur- und Sozialraumentwicklung mit Gestaltungsqualitäten und künstlerischer Praxis verbinden. Gestaltet werden Stadt, Raum, Umwelt, Prozesse, Artefakte, Kommunikationen und ihre Mittel – ebenso Formen der Interaktion. Schon lange arbeiten Berliner Akteure, Einrichtungen und Aktivist*innen aus den Künsten, der Architektur, dem Umweltschutz, der Soziokultur u.v.m. an gemeinsam entwickelten Strategien und Zielen, die explizit ressortübergreifend agieren und damit komplexe Fragen vielschichtig angehen. Dringend benötigt wird nun der politische Wille, auf Landes- und Bezirksebene dazu passende und unterstützende Strukturen aufzubauen.

Gestaltungsqualität Künstlerische Qualität der Gestaltungen von Räumen, Prozessen, Artefakten, Kommunikationen und ihrer Mittel – zusammengeführt in der konkreten Situation des Projekts/Standorts

Verknüpfungsqualität Querverbindungen zwischen getrennten Ressorts, separat organisierten Senats- und Bezirksverwaltungen, Integration der ressortspezifisch unterschiedlichen Zugänge zu Stadt

Interaktionsqualität Formen des gemeinsamen Handelns, Schnittstellen, Zugänglichkeit – Qualität der Selbstorganisation der Projektakteur*innen, transparente Verhandlungs- und Entscheidungsstrukturen

Inklusionsqualität Kooperationen, offene Zugänge für Personen mit unterschiedlichen Bedarfen, unterschiedlicher Mobilität, Diversität (Diese Qualitäten wachsen in der Regel mit der Projektdauer, Einbettung in Nachbarschaften entwickeln sich durch Vertrauen und einem dichter werdenden Geflecht von Beziehungen.)

Zukunftsqualität „Stadt“ als Prozess und als eine unter mehreren möglichen Zukünften – neue, breit aufgestellte Imaginationen (um die Abläufe zu erneuern, müssen wir uns zuerst etwas anderes vorstellen können – Imaginationen und Handeln zu zentralen Zukunftsfragen: Klima, soziale Gerechtigkeit, Raum und Boden)

Der Berliner Aktionsplan Urbane Praxis

Strukturell braucht es intermediäre Kooperationen und die Zusammenführung von bislang nach Ressorts getrennten Lösungsansätzen und Förderstrukturen. Der Aktionsplan bezieht sich auf Strukturen, Räume und Ressourcen, um die in den Qualitäten umrissenen Synergien zu erreichen.
Stadt/Raum für alle: Berlin verfügt über Raumreserven, die entwickelt und mit allen Beteiligten aktiviert werden können. Zur Erschließung der Flächen und Räume ist die aktive Unterstützung von Land und Bezirken gefordert: Brachen, Plätze und leerstehende Gewerbeflächen sollen unkompliziert und kurzfristig an Initiativen und Projekte vergeben werden, die in herausfordernden Berliner Sozialräumen kreative Erlebnis- und Lernorte, Common Places für und mit Nachbarschaften einrichten.
Finanzielle Ressourcen sollen durch proportionale Anteile aus bestehenden Strukturen und Programmen der Ressorts Kultur, Stadtentwicklung/Wohnen, Bildung/Jugend, Soziales und Umwelt zusammengeführt werden – durch Synergien ergeben sich win-win-Chancen für alle Beteiligte!

Der Aktionsplan Urbane Praxis beinhaltet:

  • Büro für urbane Querschnittsaufgaben: Ein Team mit Expertise aus Kunst, Architektur, Stadtentwicklung, Bildung, Soziales und Umwelt erarbeitet als Schnittstelle zwischen lokalen Akteur*innen, Politik und Verwaltung strategische und praxisbezogene Entwicklungslinien für intermediäre Zusammenarbeit, unterstützt den Ausbau des Netzwerks Urbane Praxis, sucht Wege zur Stabilisierung erfolgreicher Stadt-/Raumprojekte, macht Vorschläge für situative Raumlösungen in herausfordernden Quartieren. Das Büro baut Kontakte auf zu Stiftungen und Förderfonds, involviert wissenschaftliche sowie internationale Partner*innen in die Berliner Diskurse und Praxis.
    Das Büro organisiert alljährlich einen Monat der Möglichkeiten. Dabei werden im Rahmen wechselnder Schwerpunktthemen innovative Ansätze, „Baustellen“ Urbaner Praxis, stadtweit präsentiert und diskutiert: Wie geht Berlin innovativ mit den eigenen Raumressourcen um und eröffnet zudem neue Orte des gemeinsamen Stadtgestaltens? Exkursionen zu Brachen, Unterführungen, Dächern – Stadt/Rand/Räumen, es gibt noch viele Potenziale zu entdecken!
    Das Büro entwickelt Policy-Vorschläge zur offensiven Nutzung öffentlicher Raumreserven: welche landes- und bezirkseigenen Flächen sowie Immobilien bieten sich zur Nutzung für Urbane Praxis an? Das Büro unterstützt und berät Akteur*innen und Behörden im Bereich der Genehmigungsverfahren – ggf. in Zusammenarbeit mit der avisierten Taskforce für bedrohte Räume. Es entsteht eine Servicestelle, die Referenzfälle sammelt, Wissen bündelt, ein Archiv der Projekte und Praktiken aufbaut und damit Orientierungshilfen für Entscheider*innen in den Verwaltungen aufstellt.
    Budgetbedarf: 500.000€ Büro & 500.000€ Monat d. Möglichkeiten (paritätisch aus den Ressorts finanziert)
  • Berlin soll das Instrument der vorläufigen Nutzungserlaubnis einführen, da bei unklaren Planungs- und Umsetzungsperspektiven für Bauvorhaben Flächen oftmals jahrelang den Nachbar*innen und kulturellen Akteur*innen vorenthalten werden. Zeitlich beschränkte Nutzungsverträge für Freigeländeprojekte, Aktionen im öffentlichen Raum und auf Grünflächen sollen vereinfacht und beschleunigt werden.
  • Um alle Prozesse synergetisch zu verschränken, sollte eine ressortübergreifende und intermediäre Verwaltungs-AG etabliert werden – zusammengesetzt aus den Bereichen Kultur, Stadtentwicklung/Wohnen, Umwelt, Soziales, Bildung/Jugend (entsprechend dem Vorbild der ressortübergreifenden Verwaltungs-AG Kulturelle Bildung. Ebenso erforderlich: gemeinsame Ausschuss-Sitzungen).
  • Ausstattung der BENN- und der 16 neuen Stadtquartiere mit Kompetenzen für Urbane Praxis: hier ist die Ergänzung mit spezifischem Personal notwendig, das Kompetenzen der kreativen Stadtraumgestaltung, der dezentralen, interkulturellen Kulturarbeit und Kulturraumplanung sowie Stadtökologie einbringt. Z.B. sollen neuartige Formen der Kooperation zwischen Stadtgesellschaft/Stadtentwickler*innen und lokalen Akteur*innen geschaffen werden.
    Budgetbedarf: 1.000.000€ (paritätisch aus den Ressorts finanziert)
  • Forschende Projekte: Die Initiative Urbane Praxis plädiert dafür, künftig Projektmittel in die Förderung thematischer Projekte zu investieren, um experimentelle Ansätze für spezifische stadträumliche Themen und Problemlagen zu erproben. Diese „Case-Studies“ werden in Zusammenarbeit mit den Ressorts Kultur, Soziales, Stadtentwicklung, Bildung/Jugend und Umwelt identifiziert. Eine Ausschreibung lädt Akteursgruppen ein, strukturell und gestalterisch qualitätsvolle Lösungsansätze zu entwerfen und in Projektform umzusetzen, die nachhaltige Weiterentwicklung vorzeichnen.
    Somit soll der bereits existierende Fonds Urbane Praxis künftig zum Ausbau bestehender Anlagen, für neue experimentelle Interventionen sowie für kreative Konzepte komplexerer Transformationsprozesse eingesetzt werden.
    Die Finanzierung, Umsetzung und Evaluierung der Case-Studies, respektive des Fonds Urbane Praxis ist ressortübergreifend verankert. An den Ausschreibungen sollen sich im Sinne Urbaner Praxis Akteur*innen aus verschiedenen Feldern beteiligen können.
    Zu den Fördergrundsätzen gehört die Unterstützung verschiedener Bestandteile Urbaner Praxis:
    • Im Rahmen von Grundlagenarbeit sollen innovative Akteur*innen Arbeitsansätze entwickeln, Orte erkunden, lokale Situationen verstehen, Visionen entwickeln und Handlungsansätze erarbeiten. Diese münden in konkrete Projektvorschläge und/oder strategische Konzepte, die bestehende Projekte/Initiativen unter einer bestimmten Zielstellung gemeinsam fördern.
    • Vertiefung von Kooperationen sowie Beratung, wenn bestehende Initiativen im Rahmen neuer Ideen weitergeführt werden, dazu gehört auch die weitere Vernetzung in die Stadt und ein Bewusstsein für wachsende Projektkomplexität.
    • Strukturen werden konsolidiert, damit vor Ort verlässliche und vereinfachte Ansprechstrukturen entwickelt werden und langfristiges agieren möglich wird. Akteur*innen sollen zumindest die Möglichkeit der Verstetigung der eigenen Arbeit haben, inkl. der Unterstützung bei der Akquise zusätzlicher Fördermittel aus anderen Programmen.
      Budgetbedarf: 2.500.000€ (paritätisch aus den Ressorts finanziert)

Wir setzen auf Interdisziplinarität in Verbindung mit kluger Sparsamkeit: mit ressortübergreifender Zusammenarbeit können die Ziele der neuen Stadt mit all ihren sozialen, kulturellen, ökologischen und ökonomischen Transformationen synergetisch erarbeitet und in Etappen auch unter schwierigen Haushaltslagen erreicht werden. Es braucht nun intermediäre Abstimmung und gemeinsame Visionen, die den Spirit eines lebendigen Umbaus tragen: Bürgerschaftliches Engagement, weitsichtige Politik und personell gut aufgestellte Verwaltungen können Hand in Hand mit den Akteur*innen Urbaner Praxis die Prozesse anschieben.
Die erforderlichen Aktionsmittel für den Aktionsplan Urbane Praxis, für gemeinschaftsorientierte, stadträumliche Projekte und den Aufbau nachhaltiger Strukturen müssen im kommenden Haushalt durch Ressort-Kooperationen sichergestellt werden. Die jeweils eingebrachten Finanzmittel aus den verschiedenen Senatsverwaltungen können sich aus bestehenden und neu zu entwickelnden Haushaltsposten zusammensetzen.
Mit dem Aktionsplan schlagen wir für die nächste Legislaturperiode eine Strategie für das Handlungsfeld Urbane Praxis vor, welches analog zur Internationalen Bauausstellungen als Testfeld für zukünftiges (kultur-)politisches und verwalterisches Handeln in aktiver Kooperation mit den Künsten und der Zivilgesellschaft einen stabilen Rahmen schafft.
Mit dem Aktionsplan wendet sich Berlin einem zentralen Praxisfeld zu, für das die Stadt im internationalen Vergleich beste Voraussetzungen mitbringt. Berlin verfügt über eine Vielzahl an erfahrenen Akteur*innen aus dem Feld Urbane Praxis, denen mit der Umsetzung des Aktionsplans eine strukturierte Arbeitsgrundlage ermöglicht wird. Die krisenhafte Entwicklung von Stadt erfordert es, Expert*innen nicht nur über punktuelle Projektförderungen in Veränderungsprozesse einzubinden. Vielmehr sollen gemeinsam langfristige Strukturen geschaffen werden, um Stadt neu zu denken und aktuelle wie zukünftige Herausforderungen angehen zu können.


Bereits etabliert: Die Initiative Urbane Praxis

Der Berliner Rat für die Künste hat mit seiner AG Urbane Praxis und mit Unterstützung aus der Senatsverwaltung Kultur und Europa Kultur und Europa begonnen, das Arbeitsfeld der Urbanen Praxis zu beschreiben und als ressortübergreifendes Kulturfeld zu etablieren. Im Rahmen der Initiative wurden erste Pilotstrukturen geschaffen: ein Projektbüro koordiniert und vernetzt die Aktivitäten von 12 stadtweiten Stadtlaboren und Campusanlagen (Abb.1), vorläufig finanziert bis Ende 2021.
Der Pilot-Projektfonds Urbane Praxis bereitet zurzeit die Ausschreibung für 2021 vor. Parallel laufen Gespräche über einen Kulturwandel in Berlin: wie kann die Genehmigungspraxis so novelliert werden, dass sie bei gleicher Sorgfalt zu einer Ermöglichungskultur urbanen Handelns beiträgt? Ressortübergreifende Zusammenarbeit im Kontext Urbane Praxis zwischen SenUVK, SenKE und SenSW beginnen sich zu konkretisieren. Es geht u.a. um mehr Freiräume, mehr Pioniernutzungen, neue Campusstandorte – mehr Urbane Praxen für die Berliner*innen! Seit Initiativenstart im Oktober 2020 ist das Thema Urbane Praxis weit in die politischen Diskursräume hineingetragen worden. An vielen Stellen in Berlin werden sie aufgegriffen und weiterdiskutiert.
Wir wenden den Blick nach vorne und entwickeln die Initiative weiter. Alle bisherigen Erfahrungen münden in den Berliner Aktionsplan Urbane Praxis, der in den kommenden Monaten weiter justiert wird.

AG Urbane Praxis
Markus Bader, Jochen Becker, Eva Maria Hoerster, Dr. Sabine Kroner, Barbara Meyer, Annette Maechtel, Anton Schünemann (Kontakt: Projektbüro Urbane Praxis, office@urbanepraxis.berlin)

Der Aktionsplan kann hier heruntergeladen werden.