ÜBER Urbane Praxis

Die Ausstellung “Über Urbane Praxis in 12+1 Berliner Projekten” zeigt grundlegende Prinzipien und Qualitäten Urbaner Praxis (UP) in Berlin und stellt sie zur Diskussion. Im Verbund der Berliner Stadtlabore und Campus-Projekte nimmt das Haus der Statistik (HdS) eine zentrale Stelle ein, denn dieses Modellprojekt wäre ohne die künstlerisch-kulturelle Methodik der Urbanen Praxis an einem so zentralen und historisch gewachsenen Ort der Stadt Berlin nicht denkbar.

Ort: Haus der Statistik, Karl-Marx-Alee 1
Ausstellungsdauer: 2. Juni – 31. Juli 2021
Rahmenprogramm: jeden Mittwoch und Samstag Akteure vor Ort. Details hier

Besucher*innen vor dem Schaufenster der Ausstellung ÜBER Urbane Praxis am Tag der Eröffnung. Foto: Opening ÜBER Urbane Praxis, ©Raquel Gòmez Delgado

Eröffnung ÜBER Urbane Praxis, ©Raquel Gòmez Delgado

Die Urbane Praxis (UP) zeichnet sich durch eine post- und transdisziplinäre Akteurslandschaft aus und fördert selbstorganisiertes und damit selbstbestimmtes Zusammenleben. Sie trägt zum Aufbau alternativer Ökonomien und mithin zur Stärkung der städtischen Resilienz bei. Die UP geht methodisch affektiv vor, ungenutzte Flächen werden als kulturelle Freiräume angeeignet und erschlossen. Solche Freiräume entwickeln sich hin zu Orten mit vielfältigen, niedrigschwelligen (Freizeit-)angeboten, bei denen neue Ideen willkommen sind und Eigeninitiativen eingebracht werden können; sie dienen als alternative Orte der Begegnung im Gegensatz zu kommerzialisierten Aufenthaltsorten. Diese ortsbezogene Praxis und ihre programmatische Freiheit, ob temporär oder langfristig angelegt, bietet Raum und gibt Anlass für persönliche Beziehungen, vergemeinschaftende Erlebnisse und Visionen.

Das Projekt ÜBER Urbane Praxis sammelt und debattiert gangbare Erklärungen Urbaner Praxis auf Spaziergängen.

In weiteren Schritten der Transformation werden prozesshafte Erfahrungen gemacht und ausgetauscht, die das gemeinschaftliche Tun in gesellschaftliches Handeln umwandeln können. Mit Hilfe eines Grundstocks an Raum, Zeit, Muße, zivilgesellschaftlichen Engagements, KnowHow, Erfahrungsaustausch und nicht zuletzt Equipment (Raum, Frei-/Außenraum, Werkstatt, mobile Einheiten zum Kochen oder Musikmachen) entstehen Orte, die sich als Projektionsfläche für neue Visionen einer zukünftigen Stadtgesellschaft anbieten. Die UP ist eine auf Teilnahme und Teilhabe, auf Selbstwirksamkeit, Austausch auf Augenhöhe, Empowerment und Gemeinwohl fokussierte Praxis. Die kollektiv organisierte und künstlerisch informierte UP hat das Potential Gemeinschaften entstehen zu lassen, die radikal divers sind und damit auch das zeitgenössische Berlin abbilden.

Spaziergang mit Gilly Karjevsky (Floating U̶n̶i̶v̶e̶r̶s̶i̶t̶y̶) im Gespräch ÜBER Urbane Praxis

Am Beispiel vom Haus der Statistik (HdS) wird das deutlich, denn in seiner Entstehungsgeschichte werden grundlegende Prinzipien der UP in Berlin verkörpert: Das HdS verlor nach der deutschen Wiedervereinigung seine ursprüngliche Funktion, es wurde aber bis 2008 weiterhin behördlich genutzt und erst anschließend seinem Verfall preisgegeben. Das Ex-DDR Gebäude steht seither als prominente Ruine im Zentrum der Stadt, am “Allesandersplatz”. Der 7-jährige Leerstand wurde als Ort für Partys und andere Freizeitaktivitäten entdeckt und informell erschlossen, sowie von Menschen ohne Obdach genutzt. Jene Ereignisse können aus heutiger Perspektive als Entwicklungsstufen eines längeren Transformationsprozesses nachgezeichnet werden. Auf das Hinwirken der Initiative Haus der Statistik, einer Gruppe engagierter Künstler*innen, Architekt*innen, Kulturschaffender und Politiker*innen, die sich 2015 formierte, konnten die Pläne für den Verkauf an Investoren und der geplante Abriss verhindert werden. Der Ort entwickelte sich über die Zeit als Gegenentwurf zur “ausverkauften Stadt” und dient mithin als Projektionsfläche für eine wünschenswerte Stadtzukunft, die neue gesellschaftliche Qualitäten auf der Ebene des Sozialen, Ökologischen, Ökonomischen, Kulturellen und Institutionellen in Aussicht stellt. Mit dem Erwerb des Gebäudes durch das Land Berlin von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) Ende 2017 wurde der Weg für eine kooperative und gemeinwohlorientierte Entwicklung (im Werkstattverfahren) frei: Die Schaffung eines Areals für Kunst, Kultur, Soziales und Bildung, bezahlbares Wohnen, sowie ein neues Rathaus für Mitte und Verwaltungsnutzungen. Eine für die Nachbarschaft zunächst uneinladende Raumressource konnte sich durch eine minimalinvasive künstlerische Aktion – die (subversive) Anbringung eines visionären Baustellenplakats an der Fassade – zu einem kooperativen Prozess städtischer Raumentwicklung entfalten. Das Gebäude heute von zahlreichen Pioniernutzungen bespielt und belebt, z.B. von der Mitkunstzentrale, eine Werkstatt für Kunst und Klima im öffentlichen Raum; vom Chor der Statistik; oder auch von Clusterduck, ein transnationales Kollektiv zur experimentellen Erforschung digitaler Subkulturen und memetischer Widerstandstechniken, die alle auch zur zukunftsweisenden Programmatik des HdS beitragen. Durch die Pioniernutzungen wird der Ort schon während der Planungsphase erprobt und Erkenntnisse aus der gelebten Praxis fließen in die laufenden und kommenden Planungs-/ Entwicklungsprozesse mit ein. Die Entwicklung ist prozessorientiert und basiert auf der breiten Mitwirkung der Stadtgesellschaft.

Wie kann es gelingen, die entstandenen Dynamiken, Beziehungen und Infrastrukturen des Ortes zukunftsgewandt weiterzuentwickeln? Die UP hat dazu fünf zentrale Handlungsprinzipien entwickelt: Ortsgebundenheit/-bezug, post- und transdisziplinäre Organisation, künstlerische Handlungsweise, politische Handlungsweise, imaginäres Denken. Diese grundlegenden Prinzipien lassen sich im Ergebnis anhand fünf entsprechender Qualitäten messen: Gestaltungsqualität, Verknüpfungsqualität, Interaktionsqualität, Inklusionsqualität und Zukunftsqualität.

Sunseeker e.V. Gemeinschaftsgarten am Haus der Statistik.



Prinzip 1: Ortsgebundenheit/-bezug

Die UP ist eine situative Kultur- und Planungstechnik, die der Berliner Subkultur entstammt und sich seither weiterentwickelt und professionalisiert hat. Die UP ist mittlerweile in der Lage, die Leitung großmaßstäblicher Planungsprozesse (mit Unterstützung und Bereitstellung transformationsorientierter Verwaltungsstrukturen) zu koordinieren und prägend zu begleiten, z. B. das HdS langfristig in ein Modellprojekt nachhaltiger Stadtentwicklung zu überführen. Die UP ist ein Instrument der Stadtentwicklung, das einen kooperativen Gestaltungsansatz vertritt. Die Berliner Stadtentwicklung wird seit der Nachwendezeit auch insbesondere durch die experimentelle Methodik der UP beeinflusst und prägt das lebensweltliche Selbstverständnis von Berlin bis heute. Die Offenheit und Zufälligkeit von situativem Eingreifen in Freiräume und -flächen, die unvermittelt auftauchen, sich anbieten und ggf. wieder verschwinden oder verstetigen, ist ein wichtiges Grundprinzip der UP. Der richtige Moment muss als Chance und Fenster einer stadträumlichen Aushandlungszeit erkannt werden.

Prinzip 2: Post-/transdisziplinäre Organisation

In der UP wird Projektarbeit immer schon post- und transdisziplinär verstanden und gelebt, d. h. über Disziplingrenzen hinweg und in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung/Laien ausgehandelt. Die UP überwindet disziplinäre Denkmuster und agiert explizit non-disziplinär. Die UP integriert Strategien aus traditionellen Kultursparten, z.B. Architektur, bildende Kunst, darstellende Künste, Tanz, Literatur, Film u.v.m, weil sie sich nicht für Abgrenzung, sondern für Potenziale der Verknüpfung interessiert (vgl. Rat für die Künste). Die UP ist mithin eine soziale und gemeinschaftliche Praxis, denn Stadtgestaltung darf nicht auf eine einzige Disziplin begrenzt oder der binären Logik von Problem und Lösung unterworfen werden (vgl. Bader, Talevi, 2017). Die UP kann als ein transversaler Ansatz verstanden werden, der hilft, sich positive urbane Transformationen vorzustellen und umzusetzen; dabei überschneiden sich die Sphären des Soziopolitischen, des Räumlich-Kulturellen, des Ökologischen und des Pädagogischen (vgl. Floating U). Im Grunde definiert sich die Rolle der Urban Practitioners aus einem transdisziplinären Rollenbild, das als fehlendes Bindeglied zwischen Kunst, Design, Städtebau/-planung und Sozialarbeit agiert (vgl. Rajakovics, in: Holub).

Prinzip 3: Künstlerische Handlungsweise/Architektur und Stadt andersmachen

Bereits im Berlin der Nachwendezeit war die Stadtentwicklung ein wichtiger Teil des kritischen Kunst- und Kulturdiskurses und vice versa. Was zunächst nur in temporären Projekten angelegt oder in Zwischennutzungen zu finden war, lässt sich heute auf großmaßstäbliche und langfristig angelegte Architektur- und Stadtentwicklungsprojekte übertragen. Denn heute geht es auch um Ansätze der Verstetigung des gelebten Andersmachens, was sich sich aus der (vermeintlichen) Alternativlosigkeit zum spätkapitalistischen Wirtschaften/Denken, im Unterschied zur hoffnungsvollen Stadtenergie der Nachwendezeit, erklärt. Die UP hat sich durch spielerisches Herantasten zu einer eigenen Sparte und Haltung gegenüber des Stadt-andersmachens hin entwickelt. In der UP werden neoliberale Stadtentwicklungsprozesse durch geteilte Verantwortung in bestehenden Nachbarschaften unterlaufen. Sie praktizieren Stadtgestaltung als situativen Urbanismus, der durch Öffnung und nicht durch Ausschluss gekennzeichnet ist. Dies steht im Gegensatz zum privatwirtschaftlich motivierten Dogma der “Creative City” wobei Bottom-Up Initiativen/Raumpioniere lediglich als Wegbereiter dienen, um das Feld für homogene Gruppen ihresgleichen freizumachen und lokale Anwohner*innen schlussendlich verdrängen. (vgl. >Berger 2017).

Prinzip 4: Politische Handlungsweise/Dimensionen nachhaltiger Stadtentwicklung

Oft wird erst dann, wenn versucht wird einst improvisatorisch Begonnenes zu finalisieren, bemerkt, dass der vermeintlich unfertige Zustand der eigentlich Richtige und Erstrebenswerte ist. In diesem Sinne ist ein Umdenken nötig: das Prozesshafte akzeptieren, annehmen, d. h. das als „unfertig“ wahrgenommene als den wahren Zustand denken und damit planen lernen, ohne zu große Unsicherheiten zu schüren oder sich aussetzen zu müssen. Das schließt auch eine Fehleroffenheit und Toleranz gegenüber iterativen Prozessen ein und damit die Möglichkeit immer weiter zu wachsen. Gerade dieser immerwährenden Prozesshaftigkeit der Stadtentwicklung sollte auch auf der Verwaltungsebene Rechnung getragen werden. Wie also kann die Zusammenarbeit zwischen kulturellem, öffentlichem und (zukünftig auch) privatem Sektor erleichtert werden, um eine nachhaltige, inklusive Stadtentwicklung zu erreichen, die es der lokalen Kultur und den lokalen Stimmen erlaubt, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen? Daran arbeiten die Akteure der UP.

Prinzip 5: Imaginäres Denken/Wirkungspotentiale für eine zukunftsgerechte Stadt(politik)

In Anknüpfung an den gegenwärtig geführten post-pandemischen Stadtdiskurs, in dem die Überschneidung von Leben und Arbeiten (Homeoffice) von zentraler Bedeutung für das Nachdenken über zukünftige städtische Entwicklungsprozesse (Einsamkeit, kleiner Bewegungsradius, Fokus auf Nachbarschaft, Stadt der kurzen Wege, Treffen im und Nutzung des öffentlichen Raums) geworden ist, geht es vor allem darum, wie die Menschen eine mentale und physische Stärkung im Alltagsgeschehen und -raum finden können. In neuen Stadtvisionen und Zukunftsvorstellungen spielen deshalb der Natur- und Gartenraum (evtl. mit Selbstversorgung) sowie Debatten um den öffentlichen Raum eine zentrale Rolle. Mit solchen Orten wird eine Steigerung des Freiheitsgefühls, der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit verbunden, auch als Ausgleich zur Dominanz des digitalen Raums. Betont man die integrative und inkludierende Offenheit der UP-Arbeitsweise, die alte Strukturen überwinden möchte, so lässt sich das Heterogene zur kritisch seienden Norm erheben, aber nur dann wenn Menschen gemeinsam über mögliche Zukünften nachdenken und dabei das Imaginäre durch ihr Handeln in die Wirklichkeit bringen. Dabei können unter Umständen so etwas wie integrierte (im Ggs. zu autonomen) Mikro-Utopien entstehen, die soziale und räumliche Situationen anders konstruieren, d.h. freiheitlicher, gerechter und solidarischer als gewöhnlich. Es entstehen Übe-Situationen, in denen ausprobiert wird, wie unsere Gesellschaft in Zukunft sein könnte. Wichtig dabei ist, dass Menschen mit zukunftsweisenden Ideen an einem konkreten Ort gemeinsam ins Tun und Handeln kommen.

Ein Projekt der ZUsammenKUNFT eG mit:
Jennifer Aksu – künstlerische Leitung und Konzept
Nina Peters – Projektleitung
Markus Bader – künstlerischer Beirat
Adolfo Del Valle Neira – Konzept Raum und Kommunikation
Sandra Meireis – Text
Yves Mettler – Ausstellung
Raquel Gómez Delgado – Social Media Gestaltung
Lorène Blanche – Audio Edits

und Beiträgen von:
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