amR – wie Antimuslimischer Rassismus
Eine kurze Einführung mit Hintergrundwissen und der Kontextualisierung im Bereich Urbanismus.
Die Urbane Praxis e.V. hat dieses Jahr zwei einführende Workshops zur Thematik des antimuslimischen Rassismus (amR) angeboten, um eine wichtige Lücke im Denken über die Organisierung und Praktiken des gemeinsamen urbanen Raums zu schließen. Solche und ähnliche Interventionen sind, während gegenwärtig gesellschaftliche und politische Rechtsrucke versuchen, eine Kritik nicht nur des antimuslimischen, sondern auch anderen Formen des Rassismus zu unterdrücken und abzuwehren[1], notwendig. Langfristig ist das Ziel die Aufstandsbekämpfung einer breiten antirassistischen und solidarischen Bewegung, die soziale und materielle Ungerechtigkeiten machtkritisch und historisch betrachtet sowie eingreift, wenn beispielsweise im urbanen Raum Stadtpolitik versucht, prekarisierte Gruppen zu verdrängen, zu kriminalisieren und unsichtbar zu machen. Um zu begreifen, warum bestimmte Stadtteile als sogenannte „Problembezirke“ bezeichnet werden, warum teilweise von „kriminellen Ghettos“ gesprochen wird, warum genau dort Gentrifizierungsprozesse so eng mit der Verarmung der Bevölkerung verwoben sind und warum die Politik nach mehr Polizeipräsenz in diesen Stadtteilen ruft, um „Recht und Ordnung“ zu schaffen, ist ein grundlegendes Verständnis von antimuslimischem Rassismus unabdingbar.
Bestandsaufnahme Antimuslimischer Rassismus
Hört man aufmerksam hin, immer wenn öffentlich über »den Islam« gesprochen und diskutiert wird und herausliest, von welchen Erzählungen über »die Muslime« Gebrauch gemacht wird, fällt auf, dass es oft bis kaum wirklich um sie geht. Weder um die Lebensrealitäten der 5,5 Millionen Muslim*innen, die 6,6% der Gesamtbevölkerung ausmachen[2], noch um ihre unterschiedlichen und vielfältigen Denkweisen und darum, wie sie auf Deutschland und die Gesellschaft blicken. Der antimuslimische Rassismus baut sich aus Narrativen, Figuren und Fantasien über vermeintliche »Muslime« zusammen und konstruiert sich auf diese Art und Weise eine Gruppe, die als angebliche »Muslime« den Deutschen sowie Deutschland konträr und feindlich gegenüberstehen. Sie werden als „weniger zivilisiert, weniger emanzipiert, weniger frei und weniger fortschrittlich konstruiert“[3]. Über eine Mobilisation antimuslimischen Rassismus werden im Wesentlichen jedoch oft ganz andere Politiken und Projekte, wie beispielsweise Grenzen, Sicherheits- und Migrationspolitik, Polizeigewalt, Stadt- und Geopolitik, Wohnungspolitik, Krieg sowie sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt, verhandelt[4]. Er ermöglicht eine Form des Regierens – die Durchsetzung bestimmter Politiken – ebenso wie einer Vergemeinschaftung, bedingt zugleich das alltägliche Zusammenleben, während Muslim*innen oder jene, die als solche „gelesen“ bzw. verstanden werden, seine Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung erleben.
Im EU-Vergleich gaben 71% der muslimischen Befragten in Österreich und 68% in Deutschland an, in den letzten fünf Jahren rassistische Diskriminierung erfahren zu haben[5]. Dieses Ergebnis rückt beide deutschsprachigen Länder an die Speerspitze des antimuslimischen Rassismus in der EU. Und doch betont der Bericht zugleich, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt, denn nur ein besorgniserregend kleiner Anteil der Befragten meldete überhaupt rassistische und diskriminierende Vorfälle. In Deutschland waren es lediglich 4 Prozent. Zudem wurden die Daten dieser umfangreichen EU-Studie zwischen 2021 und 2022 gesammelt und geben wenig Auskunft über die derzeitige Konjunktur des antimuslimischen Rassismus seit Beginn des Genozids in Gaza Ende 2023. Die Meldestelle für antimuslimischen Rassismus CLAIM verzeichnete 2024 einen erschreckenden 60-prozentigen Anstieg antimuslimischer Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr – mehr als acht Fälle pro Tag[6]. Zahlen, die nicht nur die Brisanz dieser Rassismusform verdeutlichen, sondern auch verlangen, amR, sei es bei öffentlicher Arbeit und Intervention oder Kulturarbeit und Aktivismus, mitzudenken und ernst zu nehmen.
Historische Verflechtung: Muslim-/Islamfeindlichkeit und moderner Rassismus
Die Rassismusforschung verortet das Auftreten des heutigen Rassismus in der sogenannten Reconquista, der „Rückeroberung“ der iberischen Halbinsel aus muslimischer Herrschaft zwischen 722 und 1492[7]. Der Begriff stellt weniger eine historisch treue Erfassung des Zeitraums dar als vielmehr eine nationalistisch-ideologisch aufgeladene Erzählung, die suggeriert, es habe sich um ein inhärent einheitlich christliches Land gehandelt. In Wahrheit war die sogenannte Reconquista kein Akt der Rückeroberung, sondern ein jahrhundertlanger Prozess machtpolitischer und territorialer Expansion, markiert von sich stetig wechselnden Herrschaftsverhältnissen, Allianzen und Kämpfen. Durch seine nachträgliche nationalistische Aufladung erlaubte der Begriff, eine komplexe und vielseitige Geschichte in eine lineare Erzählung von christlicher Einheit, territorialem Anspruch und kultureller Reinheit umzudeuten[8]. Eine Erzählung, die heute noch von Rechten und Konservativen als glorreiche Bekräftigung der Überlegenheit christlicher Europäer verwendet wird. Mit dem Fall von Granada 1492, dem Ende der Reconquista, wurden Juden*Jüdinnen und Muslim*innen endgültig und konsequent vertrieben oder mussten zum Christentum zwangskonvertieren. Jedoch unterstellte man beiden Gruppen auch nach der Konvertierung, heimlich weiterhin ihren Glauben, den Islam und das Judentum, auszuüben, wodurch sie von der Spanischen Inquisition verfolgt wurden, mit dem Ziel, den orthodoxen Katholizismus in Spanien durchzusetzen[9]. Die sogenannten Altchristen grenzten sich vor dem Hintergrund der Inquisition von Neuchristen, das heißt den konvertierten Juden*Jüdinnen und Muslim*innen, durch die Limpieza de sangre, der „Blutreinheit“ – dem reinen christlichen Blut – ab. Hier sehen wir eine Verschiebung der wahrgenommenen Religionszugehörigkeit weg von individueller Überzeugung hin zu einer Frage der Abstammung und des Blutes, eines reinen und unreinen Blutes. Damit verlagert sich der Fokus von Spiritualität und religiöser Praxis auf Körper, Natur und Biologie[10]. Ein Vorläufer des modernen Rassismus, denn zum ersten Mal gehört man zu sozialen Kategorien und Positionen als Christ, Muslim und Jude durch Abstammung und Geburt. Das Prinzip der Limpieza de sangre wird anschließend auch in die Regierung und Administration des spanischen Kolonialreiches weitergetragen.
Der Ursprung des modernen Rassismus ist untrennbar mit einer Feindlichkeit gegenüber Juden*Jüdinnen und Muslim*innen sowie dem Islam verbunden, die jedoch sowohl vor als auch nach 1492 existierte und demnach eine lange und komplexe Geschichte besitzt.
Antimuslimischer Urbanismus
Der Begriff des »antimuslimischen Urbanismus« verbindet antimuslimischen Rassismus mit urbaner Raumproduktion. Mit anderen Worten: die Organisierung der Stadt, wie urbane Räume durch Finanzierung, Planung, Verwaltung, Stadt- und Sicherheitspolitik, Polizei, Medien und das alltägliche Zusammenleben so gedacht und gestaltet werden, dass Menschen, denen Muslimisch-sein zugeschrieben wird, zu Fremdkörpern, Problemen und Gefahren gemacht werden und folglich auch räumlich reguliert werden (müssen)[10]. Umgekehrt werden dieselben Räume aufgrund ihrer migrantischen bzw. vermeintlich muslimischen Bewohnerschaft problematisiert, überwacht und kontrolliert sowie aus Diskursen und der Ressourcenverteilung ausgegrenzt. Der Stadt- und Migrationssoziologe Vassilis Tsianos führt im Rahmen seiner Theorie des antimuslimischen Urbanismus das Konzept der »urbanen Panik« ein[11]. Dabei werden durch die Mobilisierung antimuslimischen Rassismus, oft im Zuge politischer Debatten und medialer Berichterstattung, bestimmte Stadtteile zu gefährlichen Orten gemacht, teils sogar zu No-Go-Areas für den Rest der Bevölkerung erklärt – ein Feind- und Angstbild heraufbeschworen. Diese urbanen Paniken der sogenannten „Problembezirke“ oder der „kriminellen Ghettos“ legitimieren und fordern folglich eine staatliche, insbesondere polizeiliche Präsenz und Intervention, um wieder „Recht und Ordnung“ zu schaffen und die Bedrohung sowie die Gefahr, die von diesen Orten und ihrer Bevölkerung ausgeht, in den Griff zu bekommen. Der antimuslimische Urbanismus, ein soziales und urbanes Phänomen, fällt aber auch mit anderen Stadtentwicklungen wie beispielsweise Verdrängungs- und Gentrifizierungsprozessen oder Sicherheitspolitiken zusammen. Tsianos illustriert dies am Beispiel des Hamburger Stadtviertels St. Georg, wo öffentliche Debatten und mediale Berichterstattung homophobe Vorurteile mit Zuschreibungen des »muslimischen Anderen« verknüpften, sodass die Bewohner*innen als gefährlich und „anders“ markiert und zugleich sozialräumlich stigmatisiert wurden[13]. Ähnlich in Berlin‑Neukölln: Die öffentliche Diskussion über „Clankriminalität“ führte zu gezielten Razzien, verstärktem racial profiling und medialer Inszenierung und letztendlich zu einer Kriminalisierung des betroffenen Bezirks. Wie Jordine Schulz und Niloufar Tajeri aber zeigen, liegt der eigentliche Antrieb dieser Form der Stadtpolitik und des Regierens in der Verbindung von rassistischen Zuschreibungen mit sozialräumlicher Kontrolle, Verdrängung, Stadtaufwertung und einer rassistischer Säuberungsstrategie des Stadtteils[14]. Antimuslimischer Rassismus wirkt also auch über die Stigmatisierung urbaner Räume, zielt dabei jedoch weniger auf das Leben der Betroffenen selbst, sondern rahmt Debatten und Entscheidungen über Wohnungspolitik, Migration, Sicherheit und ökonomische Stadtaufwertung und setzt auf diese Weise politische und soziale Ordnungen in der Stadt und darüber hinaus durch.

Literatur und Ressourcen zum Download
[3] https://www.islamiq.de/2014/06/22/antimuslimischer-rassismus-sie-werden-als-fremde-behandelt/ [4] Suhaiymah Manzoor-Khan, Tangled in Terror: Uprooting Islamophobia, Pluto Press, 2022.
[5] https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2024-being-muslim-in-the-eu_en.pdf
[7] Attia, I., & Popal, M. (2016). Antimuslimischer Rassismus dekolonial: Kontrapunktische Lektüren westlicher Islamdiskurse. Argument, (5).
[8] García Sanjuán, A. (2020). Weaponizing historical knowledge: The notion of Reconquista in Spanish nationalism. Imago temporis: Medium Aevum: 14, 2020, 133-162.
[9] Amelang, J. S. (2013). Parallel histories: Muslims and Jews in inquisitorial Spain. LSU Press.
[10] Geulen, C. (2011). Geschichte des Rassismus (Vol. 2424). CH Beck.
[11] Tsianos, V. (2015). Antimuslimischer Urbanismus. Zur Stadtsoziologie des antimuslimischen Rassismus. Jahrbuch für Islamophobieforschung, 55-82.
[13] Tsianos, V. (2013). Urbane Paniken. Zur Entstehung des antimuslimischen Urbanismus. Wer macht Demo_kratie, 27-47.
[13] https://www.rosalux.de/news/id/46645/neukoellner-null-toleranz-und-sozialraeumlicher-rassismus
Text: Ramahtullah Hayat
Grafik: Dana Schneider